Eine Anekdote vom rumbumsenden Gay

Eine junge Frau läuft an mir vorbei. Ich sehe einen vergilbten Aufkleber auf ihrer Jeansjacke. “Immer nur am rumbumsen, die Gays” steht es weiß auf schwarz. Ich muss schmunzeln.
Heute ist die große Parade vom Christopher Street Day in Köln und ich laufe durch die Stadt. Die Polaroid Originals hängt mir um die Schulter. Bereit, ein paar Eindrücke zu sammeln.
Die Stadt ist voll und vibriert. Schon mehrere Kilometer vor dem Heumarkt kann man die Zeichen erkennen. Mit jedem Meter stadteinwärts wird das Stimmengewirr dichter. Die Bässe hörbarer. Etwas Großes und Wichtiges kündigt sich an. Die Menschenströme bündeln sich. Es wird bunt. Ich liebe es!

Was passiert denn hier eigentlich?
Christopher Street Day. Wilde Homosexuelle schmusen in den Seitengassen. So habe ich es oft bei Bekannten mitbekommen und erinnere mich an das Gefühl, als ich zum ersten mal vom CSD gehört habe. Unbehagen.
Naja, es ist eine Schwulen- und Lesbenparade. Hingehen? Never! Bin doch nicht schwul.
So in etwa ist es ja auch in Ordnung.
In meiner Studentenzeit bin ich immer an der Jagd & Hund in der Dortmunder Westfalenhalle vorbeigegangen. Bin ich hingegangen? Natürlich nicht! Bin ja kein Jäger.

Zeitsprung. 10 Jahre weiter in Köln auf dem Christopher Street Day 2019 zum 50 jährigen Jubiläum.
Ich schwimme durch die Menge und nippe an meinem Bier.
Die Stimmung ist gut. Saugut. Eine Mischung aus Festival und Demonstration. Viele Teilnehmer verschaffen sich Gehör; haben etwas zu sagen. Die Wagen fahren donnernd an mir vorbei. Heftiger Techno peitscht mir ins Gesicht. Dazwischen Banner, Plakate und Jubelschreie.
In den Medien wird oft von Provokation und Fetischpartys gesprochen.
Das bisschen Haut und Sex soll der Aufreger sein? Ähnlich dämlich, die Klimafreundlichkeit einer Katamaranfahrt von Greta Thunberg zu analysieren.
Aufregen kann man sich über eine männerdominierte Gesellschaft, Sexismus, Fremdenhass und Feindlichkeiten.

Zugegebenermaßen: Ich bin etwas verwirrt. Transgender, Pan, Bi, Pet-Play.

Hier und da suche ich das Gespräch. Ein Typ mit Hundemaske steht vor mir.
Nachdem er mich angebellt hat, quatschen wir über seinen Fetisch.
Die Gespräche drehen sich um Identität, Sexualität. Ums Gesehenwerden. Es geht um Anerkennung und Emanzipation.

Und was ist das Ganze jetzt nun? Fetischparty? Demo? Festival?
Für mich ist der Christopher Street Day vieles. Definitiv keine Schwulen- und Lesbenparade. Hört sich an wie im Disneyland. Erst Micky, dann Goofy und heeyyy jetzt alle Schwulen- und Lesben.
Am Ende ist es so wie mit allen Dingen im Leben. Es geht um Austausch, Vielfalt, Akzeptanz, Toleranz und Liebe.
Wie wäre eine Welt, in der diese Werte den höchsten Stellenwert hätten?
Mindestens ein Stück weit besser. Auch wenn rumgebumst wird.

Mit den leiser werdenden Bässen der Musik schlendere ich zufrieden nach Hause.

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